Braunschweig

Die 5G-Rettungsdrohne eilt der Feuerwehr zu Hilfe

19.01.2022
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Forschende und die Feuerwehr Braunschweig testen eine Drohne. Sie soll ferngesteuert zum Einsatzort fliegen – und Luftbilder über das 5G-Netz liefern. Der Einsatzleiter steuert die Kameras der Drohne unterwegs während der Blaulichtfahrt.

Andreas Volkert steht vor der Feuerwehr-Hauptwache Braunschweig und zeigt auf ein Flachdach. „Von hier könnten in der Zukunft unsere Drohnen starten“, sagt der Ingenieur und schiebt ein „Das wäre doch cool, oder?“ hinterher.

Volkerts Vision ist keine Fiktion. Denn am Institut für Flugführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt er – gemeinsam mit der Feuerwehr Braunschweig – eine 5G-Rettungsdrohne. Die Drohne soll live Luftbilder von Einsatzstellen liefern, noch bevor der erste Feuerwehrwagen vor Ort ist. Ferngesteuert fliegt sie bis zu acht Kilometer, bleibt etwa fünf Minuten bis zum Eintreffen der Kräfte am Einsatzort und kehrt danach zurück zu ihrer Basis.

Die Drohne soll einmal eine Art drittes Auge werden für Feuerwehrleute wie Sebastian Damm. Der erfahrene Einsatzleiter arbeitet gemeinsam mit Forschenden des DLR an der Entwicklung, gefördert aus dem 5G-Innovationsprogramm des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr. Damm rechnet für eine Stadt wie Braunschweig mit drei bis sieben Einsätzen pro Tag, bei denen die Drohne eine Hilfe wäre. Voraussetzung dafür ist, dass mindestens ein Mobilfunkunternehmen ein lückenloses 5G-Netz anbietet – von der Innenstadt bis ins Umland. Denn die Verbindung vom Piloten zur Drohne und die Bildübertragung von ihr zur Feuerwehr soll über 5G-Mobilfunk laufen. Dessen Vorteil: 5G kann mehr Daten mit geringerer Verzögerung (Latenz) übertragen als frühere Funktechnologien. Für den realen Betrieb bräuchte die Drohne das eigenständige 5G (sogenanntes 5G Standalone).

Andreas Volkert trägt ein Testgerät. Die finale 5G-Rettungsdrohne soll ohne menschliche Hilfe von einer Basis aus in ihre Einsätze starten.

Drohne fliegt schneller, als Feuerwehr fahren kann

Feuerwehrmann Damm hat bereits konkrete Szenarien vor Augen: „Wenn wir bei einem brennenden Haus ankommen, gehen wir zunächst um das Gebäude herum. Künftig könnte ich schon unterwegs auf den Bildern sehen, aus welchem Fenster der Rauch kommt. Dann schicke ich die Kollegen gleich an die richtige Position.“ Sind Gefahrstoffe im Spiel, könne die Drohne sofort ganz nah ranfliegen, während Menschen zunächst Abstand halten.

Kurzum: Bei unklaren Situationen kann das fliegende Auge dem Einsatzleiter bereits helfen, die Lage einzuschätzen, während sich die Feuerwehrautos am Boden noch durch den Stau kämpfen. Braucht es eine zusätzliche Drehleiter? Oder mehrere Rettungswagen? Anhand des Livebildes aus der Luft kann Einsatzleiter Damm erste Entscheidungen treffen. Ziel der Braunschweiger Feuerwehr ist es, spätestens 3 Minuten nach dem ersten Telefonklingeln eines Notrufs vom Hof zu fahren. Weitere 10 bis 15 Minuten kann es zu entfernten Einsatzorten dauern. „Während sich die Feuerwehrleute noch ihre Einsatzkleidung anziehen, ist die Rettungsdrohne schon in der Luft“, sagt Volkert und Feuerwehrmann Damm schätzt: „Mit der Drohne gewinnen wir 5 bis 10 Minuten Erkundungszeit.“

Pilot und Feuerwehr bleiben über 5G mit Drohne verbunden

Wie findet die Drohne ihren Weg? Idealerweise nennen Anrufende eine genaue Adresse des Notfallortes. Gibt es keine Adresse, hilft den Einsatzkräften schon heute die Mobilfunktechnologie. Dies geschieht über einen Dienst namens Advanced Mobile Location (AML). Wer in Deutschland am Handy die 112 wählt, schickt automatisch seinen Standort mit an die Leitstelle. Dieser Standort wird in den meisten Leitstellen erfasst, an die Einsatzkräfte am Boden geschickt – und im Braunschweiger Test dem Drohnenpiloten per E-Mail mitgeteilt.

Drohnen im Einsatz

Andreas Volkert sitzt im Leitstand. Von hier aus sollen Piloten künftig die Drohne zum Einsatzort steuern.
Die Rettungsdrohne fliegt automatisiert. Vor dem Start planen die Piloten ihre Route über Wegpunkte.
Über 5G-Mobilfunk wird die Drohne Verbindung zum Piloten halten und live Luftbilder auf das Tablet der Feuerwehr schicken.
Zu Testzwecken fliegt Volkert über ein Feld. Die Drohne ist wendig und kommt auch mit Minusgraden und Niederschlag zurecht.

Der Pilot oder die Pilotin sitzt momentan für Tests auf dem Gelände des DLR am Braunschweiger Flughafen. Im geräumigen Souterrain stehen riesige Monitore. Auf einem öffnet der Pilot eine Landkarte, markiert den Einsatzort und plant mit ein paar Mausklicks die Route bis dorthin. Das System hat bereits viele Daten hinterlegt wie etwa die Position von Hochspannungsleitungen, mit denen die Drohne kollidieren könnte. Sie fliegt dann den vorgegebenen Weg automatisiert ab – jedoch nicht autonom. Die Drohne trifft keine Entscheidung, der Pilot oder die Pilotin behält jederzeit die Kontrolle. So will es das geltende Recht.

Feuerwehrmann steuert Drohnenkameras über ein Tablet

Feuerwehrmann Sebastian Damm hat über ein Tablet nur Zugriff auf die Kameras. Im Livebild werden ihm durch eingebaute Software bestimmte Objekte markiert – so kann er sich in der Hektik schneller orientieren. „Jeder, der ein Handy bedienen kann, kommt auch mit den Kameras der Drohne klar“, berichtet Damm von ersten Erfahrungen. Das Gerät fliegen darf der Feuerwehrmann aber nicht – das darf nur ein lizenzierter Pilot, zu dem während des Einsatzes eine Sprechverbindung über das Tablet besteht.

Feuerwehrmann Sebastian Damm schaut per Tablet aufs Luftbild. Die Kameras der Drohne soll er über 5G künftig präzise steuern können.

Die 5G-Rettungsdrohne selbst ist ein regionales Produkt. Den Zuschlag für den Bau hat ein Unternehmen aus dem Harz bekommen. Vier Rotoren sorgen für den Auftrieb und 40 km/h bei Rückenwind. Eine Kamera kommt dank 30-fachem Zoom ganz nah an die Einsatzstelle heran. Die zusätzliche Wärmebildkamera hilft, wenn Menschen gesucht oder Glutnester aufgespürt werden sollen. Sogar einen Fallschirm hat die Drohne an Bord – um im Falle eines technischen Problems nicht einfach zu Boden zu plumpsen. Über einen eingebauten Transponder ist sie außerdem für Flugzeuge und die Flugsicherung auf dem Radar erkennbar.

Die Netzbetreiber geben an, inzwischen weite Teile Braunschweigs mit ihren 5G-Netzen zu versorgen. Was fehlt also noch für den Betrieb der Rettungsdrohne? Andreas Volkert zeigt auf das Flachdach bei der Feuerwehr. Noch gibt es keine Drohnenbasen, also Startplätze für das Fluggerät. Wenn es nach Volkert und seinem Team geht, werden Drohnen künftig an sieben Orten in Braunschweig stationiert. Entstünden überall dort Drohnenbasen, würde die fliegende Feuerwehr künftig stets die fahrende Feuerwehr in der Luft überholen.

Was Drohnen dürfen

Der Betrieb von Drohnen ist in Deutschland durch europäische und nationale Vorschriften streng reglementiert. Wiegen Drohnen mehr als 250 Gramm oder ist eine Kamera montiert, besteht eine Registrierungspflicht des Betreibenden beim Luftfahrt-Bundesamt. Pilotinnen und Piloten müssen außerdem einen „Kompetenznachweis für Fernpiloten“ erwerben. Die genauen Anforderungen und Vorschriften erläutert das Luftfahrt-Bundesamt auf seiner Website. Auch für die Braunschweiger Drohne und die Forschenden des DLR sind viele Gebiete für den Überflug mit weiteren Anforderungen oder einem Genehmigungs- bzw. einem Erlaubnisvorbehalt versehen. Dies betrifft zum Beispiel den Betrieb einer Drohne in der Nähe von Flughäfen, Kraftwerken und auch den Überflug von Wohngrundstücken. Ist die Feuerwehr jedoch für den Betrieb der Drohne verantwortlich, wäre die rechtliche Lage anders: Sicherheitsbehörden und -organisationen (BOS) besitzen deutlich mehr Befugnisse bei der Durchführung ihrer Tätigkeiten und Dienste. Website des Luftfahrt-Bundesamts

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