Kreis Coesfeld

Ein Müllfahrzeug, das Funklöcher aufspürt

23.08.2022
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Im Münsterland sammelt die Müllabfuhr nicht nur Abfall, sondern auch Daten zur Mobilfunkabdeckung. So sollen letzte Funklöcher geschlossen und bald auch der Ausbau des 5G-Netzes vorangetrieben werden.

Auf dem Armaturenbrett des großen weißen Abfallsammelfahrzeugs liegt eine kleine achteckige Box. Zwischen all den Displays, Halterungen und Kabeln fällt sie gar nicht weiter auf. Dabei ist sie auf der heutigen Route ein wichtiger Passagier mit einer besonderen Aufgabe: Die Box soll den Mobilfunkempfang im Kreis Coesfeld messen.

Dieser liegt im Münsterland, einer Region im nordwestlichen Westfalen, die eher ländlich geprägt ist. Die Mobilfunkversorgung ist dort im Vergleich zu anderen Landkreisen überdurchschnittlich gut. Das zeigt sich auch im Breitbandatlas der Bundesregierung, der über die aktuelle Breitbandverfügbarkeit für das Festnetz und den Mobilfunk in Deutschland informiert. „Bei 4G sind je nach Anbieter zwischen 87 und ungefähr 91 Prozent der Fläche abgedeckt“, sagt Sebastian Schulze Baek, Mobilfunkkoordinator beim Kreis Coesfeld und Projektmanager bei der wfc Wirtschaftsförderung Kreis Coesfeld, die den Anstoß für das außergewöhnliche Projekt gegeben hat.

Denn auch wenn laut Netzbetreibern eine hinreichende Mobilfunkversorgung vorhanden ist, machen Bürgerinnen und Bürger andere Erfahrungen: Noch immer gibt es Stellen, wo das Telefonieren mit dem Handy nicht möglich ist oder wo es viel Geduld braucht, wenn man zum Beispiel auf der Fahrradtour die Route über das Smartphone abrufen möchte. Um den Netzbetreibern zeigen zu können, wo noch Bedarf besteht, erfasst der Kreis Coesfeld nun Funklöcher über die neu entwickelte „Echtnetz-Box“.

Ein unauffälliger, aber wichtiger Fahrgast: Die kleine blaue Echtnetz-Box sammelt Daten zur Mobilfunkabdeckung, während die Müllabfuhr ihre Runden dreht.

Echtnetz-Box vereinfacht den Prozess und spart Kosten

Aber wie können solche Daten gewonnen werden? Klassische Methoden, wie etwa mit einem mit Messtechnik ausgestatteten Auto die Hauptverkehrswege abzufahren, sind aufwendig und teuer. Auch Smartphone-Apps, die Funklöcher aufzeichnen, sind eher ungeeignet, denn die Zuverlässigkeit ihrer Messdaten hängt von zu vielen verschiedenen Faktoren ab: Welches Gerät wurde benutzt? Wo befand sich das Smartphone bei der Messung? War es in einer Schutzhülle oder in der Jackentasche?

Ein IT-Unternehmen aus dem Kreis stellte sich eine ähnliche Frage, wie Frédéric Dildei, Mitglied der Geschäftsleitung von STF ITech, erzählt: „Können wir diese große Technik, die sonst im Kofferraum spazieren gefahren wird, auch verkleinern, sodass eine Kommune sie selbst mitnehmen kann?“ Zusammen mit einem technischen Dienstleister entwickelten sie eine sogenannte „Echtnetz-Box“: Sie verfügt über eine Multi-Provider-SIM, eine SIM-Karte, die sich in mehrere Netze einwählen kann. So müssen für die Aufzeichnung von verschiedenen Mobilfunknetzen keine SIM-Karten ausgewechselt werden.

Blieb nur noch zu klären, mit wem die Echtnetz-Box auf Reisen gehen darf. Die Wahl fiel schnell auf Abfallsammelfahrzeuge, denn sie fahren regelmäßig fast alle Straßen im Kreis ab, sind dabei langsam unterwegs und liefern somit eine große Messwertdichte, wie Frédéric Dildei erklärt. Zudem können so Kosten gespart werden, da mit den Fahrzeugen eine „Eh-da-Logistik“ genutzt wird. Ein weiterer Pluspunkt dieser Logistik: „Dass diese ganzen Messungen ohne weiteren Verkehr und somit auch ohne weiteren CO2-Ausstoß stattfinden“, so Dildei.

Julia Hadrossek, Geschäftsführerin des Abfallsammel- und Recyclingunternehmens Remondis in Coesfeld, war von der Idee sofort begeistert. Die Umsetzung des Projekts ist nicht nur einfach und unkompliziert, Remondis kann zugleich vom Ergebnis profitieren: „Wir nutzen in unseren Sammelfahrzeugen Telematiksysteme und sind daher auch auf eine gute Mobilfunkerreichbarkeit angewiesen.“

Mobilfunktest per Müllfahrzeug

Auch die Müllabfuhr kann von einem lückenfreien Mobilfunknetz im Kreis Coesfeld profitieren, wie Geschäftsführerin Julia Hadrossek erklärt.
Ein Jahr lang begleiten vier Echtnetz-Boxen die Müllfahrzeuge durch den Landkreis.
Dieser lange Messzeitraum gewährleistet, dass auch saisonale Unterschiede in der Mobilfunkabdeckung erfasst werden, erläutert Frédéric Dildei.
So sieht es in der Echtnetz-Box aus. Sie enthält eine Multi-Provider-SIM, die sich in mehrere Netze einwählen kann.

Ein Jahr lang werden Daten gesammelt 

Seit Januar 2022 sind vier der Echtnetz-Boxen regelmäßig mit einem Müllfahrzeug unterwegs, ein Jahr lang sammeln sie in jeder Straße Daten. Der lange Messzeitraum hat den Vorteil, dass auch saisonale Unterschiede erfasst werden: „Viele Funklöcher aus dem Sommer gibt es im Winter nicht, weil das Laub der Bäume sehr stark Mobilfunk dämpfen kann“, erklärt Frédéric Dildei. Ebenso ist gewährleistet, dass Wartungsarbeiten oder Störungen an Mobilfunkantennen das Ergebnis nicht verfälschen. Eine Echtnetz-Box generiert pro Monat etwa 20.000 Messwerte, sodass ein oder zwei Tage, an denen negative Werte aufgezeichnet werden, nicht ins Gewicht fallen.

Über eine geschützte Plattform bekommen der Kreis Coesfeld und die Wirtschaftsförderung die Daten dann einen Tag nach Aufzeichnung zur Verfügung gestellt. Das garantiert zum einen den Datenschutz der Fahrerinnen und Fahrer, deren Route nicht in Echtzeit verfolgt werden kann. Zum anderen hat der Kreis so jederzeit einen guten Überblick über die bereits erfassten Daten und kann Routen flexibel anpassen, sollte es noch Lücken in der Erfassung geben.

Kommune spricht mit den Netzbetreibern auf Augenhöhe

Ein halbes Jahr nach dem Start des Projekts konnten die Beteiligten eine Zwischenbilanz ziehen. In einem Konferenzraum der Remondis-Niederlassung in Coesfeld wird eine Karte des Landkreises auf einem großen Bildschirm angezeigt. Darauf zu sehen sind viele verschiedenfarbige kleine Kreise. Dr. Jürgen Grüner, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, erläutert: „Grün heißt, dass alles im grünen Bereich ist, Gelb tut es auch noch, bei Rot geht schon gar nichts mehr richtig. Und wenn es schwarz ist, dann ist definitiv kein Datenempfang möglich.“

Dr. Jürgen Grüner zeigt, wie gut die Mobilfunkabdeckung im Kreis Coesfeld ist. Daten dazu stehen fast tagesaktuell zur Verfügung, sodass die Messfahrten laufend angepasst werden können.

Mit jeder Messung bildet sich ein immer genaueres Bild von der Mobilfunkabdeckung im Kreis Coesfeld. „Und das hilft uns ungemein weiter“, sagt Sebastian Schulze Baek. „Wir haben Funklöcher erfasst, die wir ahnten, aber die wir mit bisherigen Messwerten noch nicht belegen konnten, einfach weil diese sich meist auf Hauptverkehrswege konzentrierten.“

In den nächsten Monaten wird es nun darum gehen, das Bild zu vervollständigen, um am Ende des Jahres mit möglichst validen Daten auf die Mobilfunkbetreiber zugehen zu können. Diese entscheiden dann, wo neue Sendemasten aufgestellt werden. Auch dabei können der Kreis Coesfeld und die Wirtschaftsförderung helfen: „Wir unterstützen bei der Standortsuche, den Genehmigungen und den Gesprächen mit Eigentümern. Zum Teil geht es da ja auch um Natur- und Denkmalschutz. All das versuchen wir im Hintergrund moderierend zu begleiten“, so Grüner.

Aktuell werden vorwiegend Daten zu 4G erfasst, da sich das 5G-Netz im Münsterland noch im Aufbau befindet. Doch auch dieser kann durch das Projekt vorangetrieben werden, wie Grüner erklärt: „Wenn wir einen Standort für eine Sendeanlage gefunden haben, dann wird dieser in Zukunft auch für 5G genutzt werden können.“

Konzept findet deutschlandweit Anklang

Andere Städte und Landkreise haben das Modell „Mobilfunkmessung per Müllwagen“ schon adaptiert: In der Stadt Rheine fand im Herbst 2021 das Pilotprojekt statt. Neben dem Kreis Coesfeld führt aktuell die Stadt Verl Messungen mit Abfallsammelfahrzeugen durch, bald folgen unter anderem die Kreise Aurich und Leer in Ostfriesland sowie Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg.

Doch es muss nicht immer der Müllwagen sein: Initiativen im Landkreis Hof in Bayern oder in der baden-württembergischen Gemeinde Heroldstatt führen auch mit speziellen Messwagen eigene Messungen durch, um Funklöcher aufzuspüren. Dort zeigt sich, wie auch im Kreis Coesfeld, wie Kommunen beim Mobilfunkausbau selbst aktiv werden können. Frédéric Dildei verspricht sich von den Messungen Daten, die die Wahrnehmung in den Kommunen unterstützen und so einen Ausgangspunkt schaffen – für Gespräche auf Augenhöhe zwischen Kommunen und Netzbetreibern.

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