Biederbach

Ein Ort kämpft für den Funkmast

21.07.2021
0

Biederbach liegt wunderschön im Schwarzwald – und teilweise im Funkloch. Die Menschen in der Gemeinde hoffen auf den Mobilfunkausbau. Doch die Versorgung zwischen Bergen und dichten Wäldern ist anspruchsvoll.

Die Quote in Biederbach liegt aktuell bei 5 zu 30. Von 30 Anrufen auf sein Handy kommen 5 tatsächlich durch, schätzt Markus Allgaier und klingt dabei nicht besonders verwundert. Allgaier ist gebürtiger Biederbacher und kennt es nicht anders. Teile seiner Heimat, mitten im Schwarzwald gelegen, befinden sich im Funkloch. Das kostet Nerven, Geld und Sicherheit.

Das Problem mit den Nerven kann Allgaier schnell erklären: „Wenn ich einen Anruf kriege, bleibe ich auf der Stelle stehen. Zwei Meter weiter ist das Netz ja vielleicht wieder weg.“

Das Problem mit dem Geld ist komplexer. Allgaier ist technischer Leiter des Bauhofs. Mit drei Kollegen kümmert er sich in der Gemeinde um intakte Straßen, die Kanalisation und das Frischwasser, mäht den Rasen und hebt Gräber auf dem Friedhof aus. In ihrem Job müssen die Bauhofmitarbeiter auch für eilige Aufträge erreichbar sein. Weil das draußen oft nicht geht, fahren sie zwischendurch zurück ins Büro. Das kostet Zeit und damit Geld.

Allein im Wald – da ist Netz dringend nötig

Und schließlich ist da das Sicherheitsproblem. Die verstreuten Siedlungen von Biederbach sind umgeben von Wald – idyllisch und beliebt bei Wanderern. Im Falle eines Unfalls ist die Lage brenzlig: Wer in Deutschland 112 wählt, erhält fast immer eine Verbindung zur Leitstelle – ist das eigene Netz nicht verfügbar, läuft der Anruf über das Netz eines anderen Betreibers. Falls die Netze aller Betreiber nicht funktionieren, ist in seltenen Fällen aber tatsächlich kein Notruf möglich.

„Hallo, hören Sie mich?“ Markus Allgaier bleibt auf der Stelle stehen, wenn einmal ein Anruf zu ihm durchkommt.

Bauhofleiter Allgaier und seine Leute fahren deshalb manchmal mit einem mulmigen Gefühl in den Wald. Viele Winter sind schneereich im Schwarzwald, doch die Arbeiter müssen auch nachts die Straßen räumen. „Das ist ein gefährlicher Job", sagt Allgaier. „Wenn etwas passiert, kann weder Hilfe geholt, noch jemand geortet werden.“ Und noch mehr zeitkritische Informationen erreichen Allgaier verspätet: Die Wasserversorgung der Gemeinde ist elektronisch überwacht. Fehler kommen als Meldung aufs Handy – falls das Handy Netz hat. „Wenn die Meldung von 14 Uhr dann erst um 20 Uhr ankommt, ist unser Wasserspeicher schon ziemlich leer“, berichtet Allgaier.

Gemeinde und Bürger bieten Standorte für Funkmasten an

Bürgermeister Rafael Mathis will diese Situation nicht weiter akzeptieren. Er bemüht sich schon lange um besseres Netz für Biederbach. Die Gemeinde und etwa zehn private Eigentümerinnen und Eigentümer haben Grundstücke für Antennen angeboten – doch noch wollte kein Funkturmbetreiber im Ort bauen. Mathis sagt, die Gemeinde verzichte auf Miete, sollte ein Betreiber bauen. „Seit Jahren schreiben wir die Konzerne an, aber leider vergebens“, erzählt Mathis hörbar genervt. „Ich habe in der Gemeinderatssitzung oft Leute, die sagen: ‚Wir müssen auf die Barrikaden gehen, damit wir endlich Empfang bekommen.‘“

Am Fenster gibt's Empfang: Bürgermeister Rafael Mathis telefoniert in seinem Büro – das Smartphone steht provisorisch auf dem Fenstergriff.

Mathis macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Gemeinde: „Wir sind hier doch keine Hinterwäldler, ganz im Gegenteil.“ Doch örtliche Unternehmen wie etwa eine Baufirma beklagten sich fortlaufend über die schlechte Erreichbarkeit. Und als Mathis in Biederbach selbst ein Haus baute, fuhren seine Handwerker zur Mittagspause raus aus dem Ort – nicht zum Essen, sondern zum Telefonieren.

Funklöcher schaden der Wirtschaft und schrecken Touristen

Auch für den wichtigen Wirtschaftszweig Tourismus sei der Status quo ein Problem, sagt Ulrike Weiß von ZweiTälerLand Tourismus. Sie nennt Biederbach „unsere Enklave in Sachen Mobilfunk“: „Wenn ich sage, ich fahre nach Biederbach, ist allen klar, dass ich zwei Stunden nicht erreichbar sein werde.“ Für den Tourismus lasse sich dieser Nachteil schlecht zum Standortvorteil umdeuten. Denn auch wer in der Natur nach Digital Detox suche, wolle ja zumindest die Möglichkeit haben, digital kommunizieren zu können. Laut Weiß biete sich die Region wunderbar an, um Menschen aus dem nahen Freiburg ein „Homeoffice im Grünen“ zu ermöglichen. „Aber diese Konzepte kann die Gemeinde Biederbach ohne Handynetz nicht umsetzen“, sagt Weiß.

Eindrücke aus Biederbach

Markus Allgaier ist oft alleine unterwegs – und auf mobile Erreichbarkeit angewiesen.
Rund um Biederbach gibt es Platz für Wanderungen. Navigation und Notrufe können aber zum Problem werden.
Bauhofleiter Allgaier ist auch für das Trinkwasser zuständig. Fehlermeldungen des Systems kommen oft verspätet auf dem Handy an.
Der Schwarzwald ist geprägt von Bergen, Tälern und Wäldern. Mobilfunk dringt aufgrund der Topographie nicht in alle Ecken vor.

Biederbach ist in Sachen Mobilfunkempfang ein Opfer seiner wunderschönen Landschaft. Berg und Tal sind schwieriges Terrain für die Ausbreitung von Funk. Dies erläutern auf Nachfrage auch die Netzbetreiber über ihr gemeinsames Informationszentrum Mobilfunk: „Die Topographie im Schwarzwald erschwert die Versorgung.“ Sowohl die Entfernung der Mobilfunkstation als auch die zu überwindenden Hindernisse beeinflussten die Qualität der Versorgung stark. Konkret bedeutet das: Liegt zwischen Funkmast und dem Standort des Nutzenden ein Berg, bekommt das Handy höchstens sogenannte gebeugte Funkwellen, die es über die Bergkuppe schaffen, oder reflektierte Funkwellen, die zuvor an einem Objekt abgeprallt sind. Steht man im Wald, können Bäume die Funkwellen zusätzlich dämpfen. Einen Funkmast gibt es nördlich des Ortskerns, doch dessen Abdeckung ist durch die Topographie eingeschränkt.

Mobilfunkausbau: Biederbach bleibt nicht im Schatten

So kommt es, dass rund um Biederbach vor allem die Täler im wahrsten Sinne im (Funk-) Schatten liegen. Würden denn Verstärker eine Verbesserung bringen, also sogenannte Repeater, wie sie viele Menschen auch zu Hause für besseren WLAN-Empfang einsetzen? Sie seien „keine vollwertige Lösung, da diese das Signal zeitlich verzerren“, teilen die Netzbetreiber mit. Sie verweisen auf den fortlaufenden Mobilfunkausbau und die staatlichen Versorgungsauflagen. Diese umfassen, dass je Bundesland in mindestens 98 Prozent der Haushalte ein Download von mindestens 100 Mbit pro Sekunde möglich sein muss. Eine solche Bandbreite ermöglicht etwa das Anschauen von Onlinevideos auf dem Smartphone.

Selbst wenn die Netzbetreiber alle Auflagen und vertraglichen Ausbauverpflichtungen erfüllen, werden immer noch einige Funklöcher oder „weiße Flecken“ in Deutschland übrig bleiben. Deshalb hat der Bund im Rahmen der Mobilfunkstrategie ein Förderprogramm beschlossen: Die neu gegründete Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft (MIG) kümmert sich mit Fördermitteln zusätzlich um bis zu 5.000 neue Mobilfunkstandorte. Standort- und Netzbetreiber erhalten Fördermittel, um zusätzliche Funkmasten zu bauen und zu betreiben. Die MIG wird außerdem zwischen Betreibern, Kommunen und weiteren Behörden vermitteln, um den Ausbau zu beschleunigen. Dann soll auch Biederbach bestens versorgt sein.

Diesen Artikel jetzt teilen:

Kommentieren

0 Antworten