Dr. Gunde Ziegelberger

„Forschung zu 5G fängt nicht bei null an”

12.04.2021
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Dr. Gunde Ziegelberger forscht am Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zu elektromagnetischen Feldern, die für den Mobilfunk genutzt werden. Die Biologin leitet dort das Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF). Im Interview beschreibt sie den Stand der Forschung, warum Mobilfunkforschung im Funkloch manchmal besser funktioniert als im Labor und weshalb Mückennetze eine Placebo-Wirkung haben können.

Frau Dr. Ziegelberger, dass beim mobilen Telefonieren elektromagnetische Felder entstehen, wissen neun von zehn Erwachsene in Deutschland. Müssen Sie als Forscherin da überhaupt noch viel erklären?

Gunde Ziegelberger: Das war ein Ergebnis aus der Strahlenbewusstsein-Studie 2019, die das BfS in Auftrag gegeben hat. Interessanter für unsere Arbeit fand ich jedoch ein anderes Ergebnis: Nur etwa die Hälfte der Befragten weiß, dass die stärksten Expositionen beim Mobilfunk vom eigenen Handy ausgehen können, nicht vom Funkmast. Jeder Zentimeter Abstand von einer Strahlenquelle hilft, die Strahlung, der man ausgesetzt ist, zu verringern. Da sind wir Wissenschaftler in der Kommunikation also ganz klar gefordert.

Mobilfunk gehört noch nicht so lange zu unserem Alltag. Wie gut sind gesundheitliche Auswirkungen denn erforscht?

Beim Mobilfunk interessieren uns die hochfrequenten elektromagnetischen Felder. Ihre biologischen Wirkungen und Wirkmechanismen auf den Menschen sind sehr gut erforscht. Da gibt es den sogenannten thermischen Effekt – darunter versteht man die Erwärmung des Körpers oder lokal begrenzt einzelner Körperteile. Der thermische Effekt ist die bisher einzige, auch bei relativ schwachen Feldern nachgewiesene Wirkung, die relevant für die Gesundheit des Menschen sein kann. Die Datenlage ist sehr robust. Denn zu EMF, also elektromagnetischen Feldern, wird schon seit Jahrzehnten geforscht. In den ganz frühen Studien ging es eher um die elektromagnetischen Felder im Zusammenhang mit Rundfunk und Fernsehen. Als das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm 2002 startete, standen dann Mobilfunkanwendungen im Fokus. Es gab mehr als 50 Untersuchungen, etwa zu möglichen Wirkungen elektromagnetischer Felder auf die Schlafqualität. Das war schon gewissermaßen Pionierarbeit.

Die Ergebnisse des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms wurden schon 2008 veröffentlicht. Sind sie heute noch relevant?

Ja, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen war das Forschungsprogramm so angelegt, dass seine Erkenntnisse auch Aussagekraft für die nächsten Schritte der technischen Entwicklung haben sollten. Tatsächlich liegen die Frequenzen für den 5G-Mobilfunk, der gerade ausgebaut wird, im selben Bereich wie die von 2G, 3G oder 4G. Es gibt also keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den bisherigen elektromagnetischen Feldern und denen neuer 5G-Sendeanlagen. Die Forschung heute fängt also nicht bei null an, sondern kann auf zahlreichen Ergebnissen aufbauen. Der zweite Grund: Viele Themen, die die Menschen auch heute noch interessieren, sind damals sehr aufwändig untersucht worden. Etwa die Frage: Kann ein Mobilfunkmast in der Nachbarschaft den Schlaf beeinträchtigen? Wird der Schlaf besser, wenn man elektromagnetische Felder abschirmt? Gibt es so etwas wie Elektrosensibilität?

Elektromagnetische Felder des Mobilfunks wirken sich nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht negativ auf die Gesundheit aus, solange die Grenzwerte eingehalten werden.

Dr. Gunde Ziegelberger

Wie wurde der Einfluss auf den Schlaf denn damals untersucht?

Es gab mehrere Schlafstudien. Eine Studie der Berliner Charité hatte fast 400 Teilnehmende. Die Wissenschaftler suchten dafür mehrere Orte in Deutschland, die kaum Netzabdeckung hatten – also richtige Funklöcher. Dorthin wurden dann große Mobilfunkmasten gebracht und in der Nähe der Häuser der Probanden aufgestellt. Diese mobilen Basisstationen sendeten jedoch nicht jede Nacht. Außerdem sendeten sie so, dass normale Handys das Signal nicht erkennen konnten und sich in das Netz nicht einbuchen konnten.

Damit die Ergebnisse nicht verfälscht wurden?

Genau, diese sogenannte "Verblindung" sollte ausschließen, dass die Probandinnen und Probanden vorab wussten, wann der Sender aktiv war und wann nicht. Über den ganzen Zeitraum wurden dann jede Nacht solche Parameter wie Hirnströme gemessen und die Teilnehmer zur wahrgenommenen Schlafqualität befragt. Das Interessante war: Sobald der Mast errichtet war, verschlechterte sich der Schlaf der Probanden, die sich Sorgen um eine Beeinträchtigung des Schlafes machten, auch tatsächlich. Auch in den Nächten, in denen die Station nicht in Betrieb war. Der bloße Anblick des Handymastes oder die Sorge deswegen beeinträchtigte die Schlafqualität.

Alles nur Placebo – beziehungsweise Nocebo?

In dem Fall, ja. Auch Menschen, die sich zum Beispiel als elektrosensibel bezeichnen, erleben ja tatsächlich eine Belastung. Auch wenn sie keinem elektromagnetischen Feld ausgesetzt sind, aber überzeugt sind, dass da eine Art von Strahlung ist. Dieser Zusammenhang gilt auch umgekehrt: Wenn Menschen überzeugt sind, dass ein elektromagnetisches Feld ihren Schlaf beeinträchtigt, schlafen sie mit einer Abschirmung besser – auch dann, wenn die Abschirmung tatsächlich gar nicht wirksam ist. Das konnten wir in einer anderen Schlafstudie im Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramm bestätigen.

Wie schirmt man denn ein Bett gegen Strahlung ab?

Für eine Studie, die von der TU Graz durchgeführt wurde, haben Probandinnen und Probanden, die sich selbst als elektrosensibel eingeschätzt oder bezeichnet hatten, an ihrem Bett eine Art Baldachin bekommen. Es bestand ähnlich wie ein Mückennetz aus elektrisch leitfähigem Gewebe. Damit hat man das Bett von allen Seiten umschlossen, auch am Boden. Die Teilnehmer haben also praktisch in einem Faradayschen Käfig geschlafen. In einigen Nächten gab es jedoch einen anderen Baldachin, der nur aus textilem Gewebe bestand, also keine abschirmende Wirkung hatte. Die Probanden wussten nicht, in welcher Nacht sie unter welchem Schirm schliefen. Aber sie schliefen unter beiden Schirmen besser als in Nächten ganz ohne Schirm, da sie überzeugt waren, dass die elektromagnetischen Felder abgeschirmt waren.

Haben Sie diese Ergebnisse überrascht?

Ja und nein. Die Schlafstudien zeigten ja vor allem, welche starke Wirkung die eigenen Überzeugungen auf das Befinden und die eigene Gesundheit haben können. Dass die schwachen Felder der Basisstationen keine tatsächlichen Wirkungen entfalten, war weniger überraschend.

Die Exposition durch Basisstationen ist durchweg niedrig. Und doch ist die Sorge bei den Masten größer als beim eigenen Handy.

Dr. Gunde Ziegelberger

Kritiker von 5G zitieren immer wieder aus einzelnen Studien, die angeblich eindeutig belegen, dass Mobilfunk der Gesundheit schadet. Wie gehen Sie damit um?

Eine Studie alleine reicht nie als eindeutiger Beleg. Wenn die Qualität der Studie dann auch noch schlecht ist oder die Ergebnisse nicht von einem anderen Forscherteam reproduziert werden können, bleibt die Aussagekraft einer einzelnen Studie besonders gering. Am BfS berücksichtigen wir die Qualität und somit Aussagekraft einzelner Studien und bewerten immer die gesamte Studienlage. Nur so können wir sagen: Elektromagnetische Felder des Mobilfunks wirken sich nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht negativ auf die Gesundheit aus, solange die Grenzwerte eingehalten werden.

Könnte mehr Forschung die Angst vor Masten und Mobilfunk nehmen?

Das wäre prima. Zurzeit klaffen die wissenschaftliche Einschätzung der Risiken und die öffentliche Risikowahrnehmung auseinander. Gerade bei den Basisstationen. Die sind über gesetzliche Verordnungen klar und nachvollziehbar reglementiert. Die Einhaltung der Grenzwerte wird auch kontrolliert, zudem können Bürgerinnen und Bürger spezifische Angaben zu den Anlagen öffentlich bei der Bundesnetzagentur einsehen. Die Exposition durch Basisstationen ist durchweg niedrig. Und doch ist die Sorge bei den Masten größer als beim eigenen Handy.

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Beeinträchtigt das Handy in der Hosentasche die Fruchtbarkeit von Männern? Dr. Gunde Ziegelberger gibt im Video des BfS Antworten.

Gibt es trotzdem Studien zum Mobilfunk, die Ihrer Meinung nach jetzt besonders dringend sind?

In Zukunft können für 5G zusätzliche, höhere Frequenzen eingesetzt werden. Hier sehen wir noch Forschungsbedarf: Im Frequenzbereich über 20 Gigahertz gibt es zwar Grenzwerte, die vor den bekannten Wirkungen schützen. Aber es gibt noch vergleichsweise wenige gute Studien, die die Grenzwerte stützen. Deshalb hat das BfS zum Beispiel auch eine Studie zu Wirkungen von Millimeterwellen auf menschlichen Hautzellen in Auftrag gegeben. Wir sehen auch noch Bedarf bei Studien zu Tieren und Pflanzen. Oft wenden sich Bürgerinnen und Bürger an uns und möchten wissen, wie sich hochfrequente elektromagnetische Felder auf die Umwelt auswirken. Aufgrund der bisherigen Untersuchungen gehen wir nicht von einer gefährdenden Situation aus. Aber wir nehmen die Sorgen wahr, und die Datenlage bei Tieren oder Pflanzen ist bislang nicht so gut wie beim Menschen. Deshalb wollen wir die Forschung in dem Bereich intensivieren.

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