MIG

Wie Bund und Kommune einen Funkmast im Schwarzwald bauen

08.08.2022
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Viel Wald, kaum Handynetz: Die Gemeinde Baiersbronn und der Landkreis Freudenstadt treiben deshalb entschlossen den Mobilfunkausbau voran. Dank einer flinken Verwaltung und einer Förderung des Bundes ist der Schwarzwald bald besser vernetzt.

Bürgermeister Michael Ruf hat die wichtigsten Zahlen gleich parat: 15.000 Menschen leben in Baiersbronn auf 19.000 Hektar. Acht Michelin-Restaurantsterne gibt es hier, mehr als 800.000 Übernachtungen machen den Tourismus zum zentralen Wirtschaftszweig. Wer aus dem Ort herausfährt, erlebt schnell eine weitere Zahl: null Handyempfang. Funklöcher sind rund um die Ortsteile von Baiersbronn ein Problem. Bürgermeister Ruf plant deshalb seinen Arbeitstag auch nach dem Handynetz: „Wenn ich unterwegs bin zu Terminen, fange ich erst gar kein Telefonat an.“

MIG springt ein, wo private Unternehmen nicht bauen

Damit wollen sich Gemeinde und Landkreis nicht zufriedengeben. An einigen Stellen mitten im Ort sind bereits 5G-Netze verfügbar, es gibt ein freies WLAN – nun sollen auch endlich die Funklöcher im Umkreis verschwinden. Gemeinde und Landkreis arbeiten dafür nicht nur mit den Mobilfunknetzbetreibern zusammen, sondern auch mit der MIG: Die Abkürzung steht für die Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft des Bundes. Sie organisiert den vom Bund geförderten Mobilfunkausbau in Regionen, in denen die privaten Netzbetreiber nicht in neue Standorte investieren. Dies ist etwa in einem Teil des Nationalparks Schwarzwald der Fall. Das beliebte Ausflugs- und Urlaubsziel bildet deshalb einen weißen Fleck auf der Mobilfunk-Landkarte – und würde es ohne staatliche Förderung auch weiterhin tun.

Hier soll er stehen: Bürgermeister Michael Ruf und Landrat Dr. Klaus Michael Rückert markieren den Standort des künftigen Mobilfunkmastes.

Bürgermeister Ruf steht an einem Dienstagvormittag zwischen hohen Bäumen auf einer Anhöhe und sagt: „Ich bin froh und erleichtert, dass es jetzt vorangeht.“ Gemeinsam mit Landrat Dr. Klaus Michael Rückert hat er gerade einen Holzpflock in den Waldboden gehämmert – denn alle Beteiligten sind sich einig: Genau an dieser Stelle soll bald ein Mobilfunkmast stehen. Die Versorgungslücke vor Ort erstreckt sich über ein weitläufiges Waldgebiet und ist so groß, dass drei Mobilfunkmasten gebaut werden müssen. Ein Standort beim Hinterlangenbachtal ist bereits sicher – unweit eines beliebten Hotels. Der zweite Standort nahe der Försterhütte soll genau dort entstehen, wo nun der Holzpflock im Boden steckt.

Guter Empfang ist auch eine Frage der Sicherheit

Wozu braucht es Netz mitten im Wald? Landrat Rückert muss nicht lange überlegen: „Manche sagen: Es ist doch nur Wald. Ich sage: Es ist sogar Wald!“ Rückert ist auch Vorsitzender des Nationalpark-Rates und hofft, insbesondere jüngere Menschen für die Natur zu begeistern. „Faltblätter sind heute uncool. Wir haben viele Ideen, wie wir Besucher digital durch den Wald führen könnten – aber dazu brauchen wir erst einmal Netz.“ Große Teile der Waldgebiete liegen jedoch im Funkloch. Das sei auch für die Sicherheit ein Problem: „Wir wollen, dass die Menschen sich in der Natur wohlfühlen. Da brauchen wir Mobilfunk für den Notfall – für die Wanderer ebenso wie für die Waldarbeiter“, sagt Rückert.

Wir haben viele Ideen, wie wir Besucher digital durch den Wald führen könnten – aber dazu brauchen wir erst einmal Netz.

Landrat Dr. Klaus Michael Rückert

Seine Behörde will deshalb keine Zeit verlieren und arbeitet im Eiltempo Hand in Hand mit der Gemeinde, der Forst Baden-Württemberg (ForstBW) und der MIG. Bevor der Holzpflock in den Boden gesteckt wurde, ist schon viel passiert – und es wird noch viel passieren, bis der Mast funken kann. Seit Ende 2021 stehen Landratsamt und MIG miteinander in Kontakt. Der MIG war das örtliche Funklochproblem bekannt, nachdem sie Versorgungsdaten der Mobilfunknetzbetreiber ausgewertet hatte. Sie startete eine Markterkundung. Konkret bedeutet das: Sie fragte bei privaten Funkturmfirmen und Mobilfunknetzbetreibern an, ob sie im Funkloch von Baiersbronn ein eigenes Bauprojekt planen. Das war nicht der Fall. Also nahmen sich die Fachleute der MIG der Sache an: Sie beschafften sich Karten des Gebietes, analysierten Geodaten und bestimmten in einer Funknetzplanung die optimalen Standorte für Funkmasten.

Landkreis und Gemeinde unterstützen den Netzausbau

Diese Vorbereitung ging im Landkreis Freudenstadt besonders schnell. Bei einem Bauprojekt gibt es viel zu beachten – doch im Landkreis gibt es zentrale Ansprechpersonen. Breitbandkoordinator Marco Ebinger agiert als Dreh- und Angelpunkt im Landratsamt. Ein Kollege im Bau- und Umweltamt nimmt seine Anfragen entgegen und legt sie auf den korrekten Schreibtisch – denn es gibt baurechtliche, naturschutzrechtliche und wasserrechtliche Fragen zu klären. „Wir wollen beim Netzausbau nicht das bremsende Glied in der Kette sein“, sagt Ebinger. „Wenn wir als ländlicher Landkreis bei der Digitalisierung jetzt nicht mithalten, fallen wir auf Dauer zurück.“

Kurze direkte Wege: Breitbandkoordinator Marco Ebinger (Mitte) macht im Landratsamt Freudenstadt Tempo beim Netzausbau.

Mit diesem Elan gehen die Beteiligten auch die kommenden Herausforderungen an. Bei einem Ortstermin vereinbaren sie den exakten Standort des Mastes. Die Funknetzplanung hat vorab einen ungefähren Standort ergeben, vor Ort schauen MIG, Gemeinde, Landkreis und Vertreter von ForstBW nach der finalen Position. Steckt der Holzpflock als Markierung im Waldboden, geht die Planung zunächst am Schreibtisch weiter. MIG und der Forst Baden-Württemberg werden einen Mietvorvertrag aushandeln, die MIG hält Kontakt zu den Mobilfunknetzbetreibern. Möglichst viele von ihnen sollen später ihre Antennen am Mast montieren, damit nicht nur ein Mobilfunknetz, sondern möglichst alle vor Ort funktionieren. Gebaut wird nur, wenn mindestens ein Netzbetreiber die spätere Nutzung zusagt.

Gutachten, Genehmigungen und Bau brauchen ihre Zeit

Parallel treibt nun die Gemeinde gemeinsam mit der MIG das Baugenehmigungsverfahren und den Anschluss von Strom und Glasfaser voran. Für den künftigen Funkmast muss eine Trafostation errichtet werden, mehrere Kilometer 400-Volt-Stromkabel müssen entlang des Waldweges verlegt werden, außerdem ein Glasfaserkabel für die Datenanbindung. Fachleute erstellen naturschutzrechtliche Gutachten. Über Fachfirmen und die Forstverwaltung wird eine Eingriffsausgleichsbewertung vorgenommen. Hinter diesem sperrigen Begriff steckt die ökologische Aufwertung des bestehenden Waldes oder die Aufforstung von neuem Wald: Denn jeder Quadratmeter Wald, der künftig vom Funkmast belegt ist, ist an anderer Stelle zu kompensieren.

Das Funkloch bei Baiersbronn ist so groß, dass drei neue Mobilfunkstandorte errichtet werden müssen.

Ist all das erledigt, müssen ein Kran und einige Tonnen Baumaterial in den Wald geschafft werden, um den Mast aufzustellen. Ganz wichtig: Dies geschieht dann unter der Regie eines privaten Unternehmens. Die MIG fördert den Bau finanziell und auch die ersten sieben Jahre des Betriebs.

Eigentümer von Mobilfunkstandorten sind heute in der Regel nicht die Netzbetreiber. Stattdessen gehören die Masten zu Funkturmfirmen, auch „Tower Companies“ genannt. Diese Firmen vermieten die Plätze am Mast dann an Mobilfunknetzbetreiber, aber auch für Funkantennen von Polizei und Feuerwehr. Die MIG bereitet mit Kommunen und Grundstückseigentümern alles vor – Bau, Betrieb und Vermietung liegt dann aber in den Händen einer Funkturmfirma. Welche das in Baiersbronn sein wird, entscheidet sich, nachdem die MIG einen Förderaufruf gestartet hat, auf den sich die künftigen Betreiber bewerben können.

Damit wird dann ein Teil von einem Funkloch geschlossen. Doch im Landkreis Freudenstadt gibt es weitere weiße Flecken. An die MIG gerichtet sagt Landrat Rückert: „Kommen Sie gerne und oft wieder!“

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