Gastbeitrag Dr. Sarah Drießen

„Keine Sorge und erst recht keine Angst“

14.12.2020
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Dr. Sarah Drießen sorgt in der Mobilfunk-Forschung für Durchblick: An der RWTH Aachen sammelt sie mit ihrem Team Studien in einer Datenbank. In diesem Beitrag erläutert die Forscherin, warum die Wissenschaft sich manchmal unsicher ist – und weshalb das trotzdem kein Grund zur Besorgnis sein muss.

Ein paar Mal fragten mich Bekannte, ob sie guten Gewissens mit ihrem Handy telefonieren können. Ich erzählte ihnen dann von meiner wissenschaftlichen Arbeit zur Mobilfunkstrahlung. Am Ende telefonierten sie weiter. Denn der Nutzen eines Handys erscheint doch größer als die kleine Restunsicherheit, die wir Forscherinnen und Forscher beim Thema Strahlung haben.

Moment mal, denken Sie sich jetzt. Kleine Restunsicherheit – warum? In den vergangenen 20 Jahren ist viel zu den Auswirkungen von Mobilfunk geforscht worden. Klar belegt ist die sogenannte thermische Wirkung. Wir kennen sie alle von unserer Mikrowelle: Sie bestrahlt das Essen und macht es dadurch warm. Beim Handy und beim menschlichen Gewebe ist es ähnlich – nur dass die Strahlung weitaus schwächer ist. Strenge Grenzwerte sorgen dafür, dass Strahlung unseren Kopf selbst bei sehr langen Telefonaten nicht übermäßig erwärmt. So weit, so klar.

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„Wissenschaftlich gesehen sollte 5G weiter erforscht werden“, sagt Dr. Sarah Drießen im Video. Harte Effekte auf die Gesundheit befürchtet sie jedoch nicht.

Viele Studien – und viele werfen neue Fragen auf

Daneben gibt es aber jede Menge weitere Studien, die sich mit anderen möglichen langfristigen Auswirkungen beschäftigen. Hier wird es kompliziert. Denn beim Thema Mobilfunk untersuchen viele Forschergruppen viele unterschiedliche Wirkungen, teilweise ohne eine klare Hypothese zu haben. Manche nehmen, salopp gesagt, eine Maus, legen ein Handy daneben und schauen mal, ob etwas passiert. Das erscheint mir manchmal etwas wahllos. Unabhängig von der Qualität einer Studie gilt dann aber: Die Ergebnisse sind da und stehen im Raum. Es fehlt aber häufig der große Zusammenhang, es fehlen Vergleiche.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde nicht immer systematisch geforscht. Erst als es Proteste in der Bevölkerung gab, starteten verschiedene internationale Forschungsprogramme und 2002 das Deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm. Nach dessen Ende hakten viele in Deutschland und den westlichen Ländern das Thema weitestgehend ab. Währenddessen ging es in anderen Ländern weiter, in Korea etwa oder dem Iran. Es gibt also viele Studien. Etwa 1300 experimentelle Studien zum Mobilfunk listen wir im EMF-Portal. Aber viele dieser Experimente werfen Fragen auf.

Vorsicht vor Schlussfolgerungen: Ein Hinweis ist noch kein Nachweis

In der öffentlichen Debatte geht es derzeit oft um eine Studie des National Toxicology Program (NTP) der US-Regierung. Sie hat bei der Bestrahlung von Mäusen und Ratten Hinweise auf häufiger auftretende Tumore gefunden. Doch insgesamt waren nur wenige Tiere betroffen. Deshalb müsste die Forschung weitergehen, auch um herauszufinden, ob womöglich bestimmte experimentelle Bedingungen zu einem falsch positiven Ergebnis geführt haben. Und in diesem speziellen Fall wird auch versucht, die Ergebnisse mit neuen Studien zu reproduzieren. Das bedeutet: Ein Team von Forschenden versucht, mit dem gleichen Versuchsaufbau diese Ergebnisse nachzuvollziehen.

Das Ergebnis einer einzigen Studie lässt kein abschließendes Urteil zu.

Dr. Sarah Drießen

Damit eine Studie wirklich Aussagekraft hat, muss man sie wiederholen. Das Ergebnis einer einzigen Studie lässt kein abschließendes Urteil zu. Erst wenn ich die Ergebnisse einer Studie reproduzieren kann, werden sie wissenschaftlich relevant. Die Zahl von 1300 experimentellen Studien zum Mobilfunk klingt gewaltig, aber es gibt zwischen ihnen zu wenige konsistente Zusammenhänge. Viele forschen für sich.

"Möglicherweise krebserregend" – was bedeutet das?

Die Forschung bleibt deshalb trotz der jahrelangen Arbeit vage. Die vielleicht wichtigste Bewertung der vergangenen Jahre war jene von der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC). Sie kam zu der Erkenntnis: Hochfrequente elektromagnetische Felder, zu denen auch Mobilfunk zählt, werden als "möglicherweise krebserregend" eingestuft.

Da hat sich ein großes unabhängiges Expertenteam zusammengesetzt, viele Daten zum Krebsgeschehen angeschaut und ist dann zu dieser Erkenntnis gekommen. Der Laie kann es kaum nachvollziehen, überhört den Begriff "möglicherweise" und hängen bleibt der Begriff "krebserregend". Nur: Die Datenlage spiegelt genau dieses "möglicherweise" wider. Einige gut gemachte Studien kommen zum Ergebnis, dass es unter Vieltelefonierern möglicherweise einen Zusammenhang zwischen Krebs und Mobilfunk geben könnte. Dann gibt es aber ebenso gut gemachte Studien, die das nicht zeigen.

Häufig liegt die Lösung irgendwo zwischen Ja und Nein

Am Ende spiegelt dieses Ergebnis eben jene kleine Restunsicherheit wider, die wir haben. Ich spreche ganz bewusst von einer kleinen Restunsicherheit – wenn man sich einmal anschaut, welchen akuten Bedrohungen wir ansonsten im Leben gegenüberstehen: Jeder von uns fährt Auto und geht jeden Tag auf die Straße. Wir leben tagtäglich mit Risiken, die wir verdrängen. Das Dilemma ist also nicht zuletzt ein gesellschaftliches Problem.

Viele vergessen außerdem, dass fast jede Technik ein Risiko in sich trägt. Wir müssen mit diesen Unsicherheiten leben.

Dr. Sarah Drießen

Es gibt einen Drang in uns Menschen, entweder Ja oder Nein hören zu wollen. Aber das funktioniert nicht. Wissenschaft kommt immer wieder zu neuen Erkenntnissen, die aber selten die abschließende Antwort sind. Mit dieser Unsicherheit können nicht alle Menschen umgehen. Viele vergessen außerdem, dass fast jede Technik ein Risiko in sich trägt. Wir müssen mit diesen Unsicherheiten leben. Und aus meiner Sicht traut sich auch die Politik nicht, diese Tatsache zu kommunizieren.

Mein Antrieb für die wissenschaftliche Arbeit zum Thema Mobilfunk ist übrigens keine Sorge und erst recht keine Angst. Es ist schlicht meine wissenschaftliche Wissbegierde. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen über Mobilfunkmasten. Denn die spielen, verglichen mit der Strahlung des Handys, eine nachrangige Rolle. Beim Telefonieren ergreife ich kleine, präventive Maßnahmen – etwa indem ich das Handy auf Lautsprecher stelle und so das Gerät bei längeren Gesprächen nicht direkt am Körper habe. Insgesamt mache ich mir aber auch über Handys keine Sorgen. Es gibt eben nur diese kleine Restunsicherheit. Wir müssen erst einmal mit ihr leben und sollten weiter forschen.

Zur Person - Dr. Sarah Drießen

Dr. Sarah Drießen ist Wissenschaftlerin am Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit der RWTH Aachen. Sie leitet das EMF-Portal, das Studien zu den Wirkungen elektromagnetischer Felder sammelt und teilweise zusammenfasst.

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