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Produkte zum Schutz vor Handystrahlung: Sinnvoll oder dubios?

19.08.2022
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Von Mützen, Boxershorts und Decken bis zu Armbändern und Aufklebern – es gibt viele Produkte, die versprechen, elektromagnetische Strahlung wirksam abzuschirmen. Wie genau sie das tun sollen, ist meist nicht nachvollziehbar, und ihre Preise sind oft hoch. Wir haben dazu mit Expertinnen und Experten gesprochen.

Wer im Internet auf der Suche nach Schutz vor elektromagnetischer Strahlung ist, wird schnell fündig: Holzboxen für das Smartphone, abschirmende Baldachine für das Bett und spezielle technische Geräte oder Amulette werden als „Strahlenschutz-Produkte“ beworben, die die Gesundheit fördern sollen. Viele Hersteller liefern vermeintlich wissenschaftliche Studien mit, die die Wirksamkeit ihres Produkts belegen oder zumindest den Preis rechtfertigen sollen. Bis zu mehrere Hundert Euro werden je nach Produkt verlangt. Ob sie jedoch wirklich den versprochenen Effekt erzielen, ist fraglich: Verbraucherinnen und Verbraucher haben in der Regel keine Möglichkeit, die Wirkung der Produkte verlässlich zu überprüfen.

Werbeversprechen oder Wissenschaft: Was Verbraucher wissen sollten

Zunächst ist die Frage, wovor diese Produkte schützen sollen. Elektromagnetische Felder (EMF), die zur Datenübertragung in Mobilfunknetzen genutzt werden, haben laut aktuellem Forschungsstand bei Einhaltung der Grenzwerte keine negativen Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Deshalb ist ein zusätzlicher Schutz vor ihnen eigentlich nicht notwendig. Dennoch gibt es Menschen, die sich wegen EMF Sorgen machen. Manche leiden nach eigenen Angaben zum Beispiel an Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten, die sie mit Mobilfunkgeräten, WLAN oder Antennen in Verbindung bringen. An sie richten sich die Hersteller, die damit werben, dass ihre Produkte EMF zuverlässig abschirmen können.

Die Entscheidung zum Kauf dieser Produkte ist jeder Verbraucherin und jedem Verbraucher selbst überlassen. Sie sollten diese jedoch nicht treffen, ohne sich vorab gründlich zu informieren – zum Beispiel über die Verbraucherzentralen. Arne Weinberg, Jurist im Projekt „Faktencheck Gesundheitswerbung“ der Verbraucherzentrale NRW, sagt: „Zu dieser informierten Kaufentscheidung gehört natürlich gerade im Bereich der Gesundheitswerbung die wissenschaftliche Absicherung der behaupteten Wirkung. Die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen wissen, wenn es für Werbeversprechen keine ausreichenden Belege durch Studien gibt.“ Ist dies der Fall, dann sind Gesundheitsversprechen rechtlich gesehen irreführend und unzulässig. Aus diesem Grund musste die Verbraucherzentrale bereits mehrere Anbieter von Strahlenschutz-Produkten abmahnen.

Wir haben Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Physikerinnen und Physiker gebeten, einen genaueren Blick auf Strahlenschutz-Produkte aus fünf verschiedenen Kategorien zu werfen und eine mögliche Schutzwirkung zu beurteilen.

Decken, Unterhosen, Baldachin: Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen

Um sich vor Umwelteinflüssen zu schützen, ist der erste Impuls, sich abzuschirmen. Wir greifen zum Beispiel zum Sonnenschirm oder setzen die Sonnenbrille auf. Hilft so etwas auch bei Mobilfunkstrahlung? Ganz so einfach ist es nicht, denn es kommt auf das Material und die Art der Abschirmung an. Am effektivsten ist eine Abschirmung im Sinne des faradayschen Käfigs: eine geschlossene Hülle aus einem elektrisch leitfähigen Material, zum Beispiel Aluminium oder Silber. Dazu erklärt Prof. Dr. Achim Enders, Leiter des Instituts für Elektromagnetische Verträglichkeit an der Technischen Universität Braunschweig: „Gut abgeschirmt wäre man damit aber nur dann, wenn diese Hülle tatsächlich vollständig aus dem leitfähigen Material besteht und man sich im Inneren der Hülle befindet. Am ehesten ist diese Art der Abschirmung mit einer Art elektrisch leitfähigem Moskitonetz zu erreichen. Dieses muss jedoch zum Beispiel ein Bett von allen Seiten umschließen, auch am Boden. Das heißt, das Netz müsste überall durchgehend elektrisch leitfähig sein. An den Stellen zum Betreten und Verlassen des Bettes müssten zudem gut leitfähige Reiß- oder Klettverschlüsse vorhanden sein.“

Bleiben nämlich Öffnungen oder kleinere Löcher, können solche Maßnahmen auch das Gegenteil bewirken: „Man kann sogar Situationen konstruieren, wo angebotene Produkte zu einer höheren Strahlenbelastung führen“, so Enders. Das könne etwa bei Boxershorts der Fall sein, die aus Silbergewebe bestehen und beim Tragen eines Handys in der Hosentasche vor schädlicher Strahlung schützen sollen: „Die Boxershorts sind ja nicht geschlossen, sondern zur Taille oben und zu den Beinen hin offen. Da kann, wenn Sie das Handy in der Hosentasche darüber tragen, der Fall eintreten, dass Sie mehr von der Strahlung abbekommen, als hätten Sie diese Boxershorts gar nicht an.“

Denn sogenannte „Beugungseffekte“ an den Rändern können dazu führen, dass sich die elektromagnetischen Wellen stark um die Öffnungen „herumwinden“ und dann im Inneren der Schirmung durch Resonanzeffekte besonders starke Strahlungen hervorrufen. Gleiches gilt auch für andere Kleidungsstücke wie etwa Jacken oder Mützen, aber auch für Decken. Eine gute Abschirmung ist also nur sehr schwer zu erreichen. Und sie hilft natürlich nur dann, wenn die stärkste Strahlungsquelle – das eigene Endgerät – sich nicht mit im abgeschirmten Raum befindet.

Wie kommen die Hersteller dann zu ihrer Behauptung, eine weitaus geringere Strahlenbelastung zu messen? Enders erklärt es so: „Meistens werden solche Messungen von vornherein unter idealisierten Bedingungen durchgeführt: Man bestimmt die Schirmung einer idealen geschlossenen Hülle des Stoffmaterials ohne jede Art von Öffnung, das heißt ohne jede praktisch immer vorkommende Schwachstelle, wie etwa Öffnungen oder Reißverschlüsse.“

Eine Abschirmung ist am ehesten mit einer Art elektrisch leitfähigem Moskitonetz zu erreichen, dieses Netz muss aber zum Beispiel ein Bett komplett umschließen.

Das Smartphone in der Box: Deckel drauf, Strahlung weg?

Eine andere Möglichkeit ist, das Handy in einer Vorrichtung aufzubewahren und so abzuschirmen. Zum Beispiel, wenn man es nachts eingeschaltet neben dem Bett liegen haben möchte. Manche Hersteller bieten dafür spezielle Halterungen an. Auch hier gilt zunächst: Welches Material wird dafür genutzt und wie umfassend ist die Abschirmung? Plastik oder Holz können elektromagnetische Felder nur unter bestimmten Umständen und dann auch nur gering abschwächen. Und viele Halterungen haben eine Öffnung, sodass man das Handy weiterhin im Blick behalten kann. Das macht die Abschirmung jedoch nutzlos, denn wie zuvor bereits beschrieben können sich elektromagnetische Wellen durch diese Öffnung weiterhin ausbreiten.

Prof. Dr.-Ing. Matthias Wuschek von der Technischen Hochschule Deggendorf empfiehlt, darauf zu achten, aus welchen Materialien solche Produkte bestehen. Eine Metallschicht, etwa aus Aluminium, kann die Abschirmung unterstützen. Er gibt jedoch zu bedenken: „Das Handy sendet ja nur mit der minimal notwendigen Leistung, um die Verbindung aufrechtzuerhalten. Wenn ich diese Verbindung nun verschlechtere, indem ich eine Hülle außen herum mache, die die Felder schwächt, dann kommen die Felder ja auch schwächer bei der Basisstation an. Die Basisstation wird dem Handy dann befehlen, die Leistung wieder hochzufahren, bis das Signal wieder mit der gleichen Stärke bei der Basisstation ankommt. Das heißt, die ganze Abschirmung ist zunichte gemacht.“ Das Hochfahren der Sendeleistung wirkt sich zudem auf den Akku des Geräts aus: dieser wird dadurch schneller leer.

Eine einfache Lösung, um sich nachts etwas weniger elektromagnetischer Strahlung des eigenen Handys auszusetzen, ist es, den Flugmodus des Geräts einzuschalten, so Wuschek: „Man braucht keine überteuerte Abschirmungseinrichtung kaufen, von der man nicht weiß, wie gut sie wirklich funktioniert oder ob das Handy mit einer Leistungserhöhung reagiert.“

Technik zur Strahlenabwehr: Mit elektrischen Feldern gegen elektrische Felder

Viele Menschen möchten trotz empfundener Belastung nicht auf ihr Smartphone, ihren Laptop, ihr Tablet oder andere elektronische Geräte verzichten. Das müssen sie auch nicht, lautet das Versprechen einiger Hersteller: Sie bieten Geräte an, die mithilfe spezieller Technik vor EMF schützen und trotzdem die Nutzung aller elektronischer Geräte weiterhin ermöglichen sollen. Ihre Funktionsweise erinnert dabei an elektrische Insektenabwehr: Sie können in der Steckdose im Haus, im Auto oder auch in Tierställen angebracht werden. Dann erzeugen die Geräte laut Herstellerangaben ein elektrostatisches Feld, das wie ein natürlicher Schutzschild wirken und elektromagnetische Strahlung daran hindern soll, in den Körper einzudringen. Das Versprechen geht sogar noch weiter: Durch dieses Feld sollen bestimmte Prozesse in unserem Körper, zum Beispiel der Transport von Wassermolekülen, der angeblich durch Elektrosmog gestört wird, wieder in eine Ordnung gebracht werden.

Dr. Alexander Leymann, wissenschaftlicher Referent im Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder am Bundesamt für Strahlenschutz, beurteilt dies so: „Sich durch extra Geräte oder Installationen vor elektromagnetischen Feldern zu schützen, ist in der Regel nicht nötig oder sinnvoll. Bei Einhaltung der Grenzwerte sind wir vor allen wissenschaftlich belegten gesundheitsrelevanten Wirkungen dieser Felder geschützt. Es kann schon sein, dass Produkte dieser Art ein statisches elektrisches Feld erzeugen. Doch elektrostatische Felder dringen praktisch nicht in unseren Körper ein. Das heißt also, diese Wirkungen, die die Hersteller im Inneren unseres Körpers postulieren, können durch dieses Gerät überhaupt nicht hervorgerufen werden.“ Auch hat ein solches elektrostatisches Feld keinerlei Einfluss auf hochfrequente elektromagnetische Felder, die für den Mobilfunk genutzt werden: „EMF dringen mit oder ohne ein solches Feld in unseren Körper ein. Die Strahlung ist weiter präsent – was auch dazu passt, dass die Hersteller sagen, dass der Handyempfang nicht gestört wird“, erklärt Leymann.

EMF abzuschirmen oder zu „blockieren“ und sie gleichzeitig weiterhin für das Mobiltelefon oder andere Geräte zu nutzen, ist nicht möglich. Möchte man trotzdem weiterhin telefonieren, kann das sogar den gegenteiligen Effekt haben: „Wenn man sie nicht vollständig abschirmt, hat man schlechteren Empfang. Was letzten Endes dazu führt, dass das eigene Handy wieder stärker strahlen muss. Wenn man also daran interessiert ist, seine Strahlung zu minimieren, sollte man genau das Gegenteil machen: bei gutem Empfang telefonieren.“

Strahlenschutz-Aufkleber: Schlecht für den Empfang und den Akku

Für schlechten Empfang können auch Handyaufkleber sorgen. Dabei handelt es sich um kleine Sticker, zum Beispiel aus Plastik, Acetatseide oder auch Metall, die auf der Rückseite des Mobiltelefons angebracht werden. Sie versprechen, dauerhaften Schutz vor Strahlung zu bieten. Insbesondere Materialien aus Metall können aber die Antenne des Geräts stören und zu einer Veränderung der Abstrahlung führen, wie Dr.-Ing. Christian Bornkessel von der TU Ilmenau erklärt: „Jedes Bisschen Metall, was ich dort in der Nähe anbringe, sorgt dafür, dass ein Teil der Energie von der Antenne gar nicht mehr abgestrahlt, sondern in den Verstärker zurückreflektiert wird und deswegen nicht mehr für den Verbindungsaufbau mit der Basisstation zur Verfügung steht.“ Statt die Strahlung zu minimieren, reagiert das Mobiltelefon mit einer Erhöhung der Sendeleistung: „Der einzige Effekt, den man damit erzielt, ist, dass der Akku schneller leer ist oder dass sich das Strahlungsverhalten des Handys am Kopf insgesamt verändert.“

Schmuck gegen Strahlenbelastung: Schöner Schein? 

Bei den bisher vorgestellten Produkten kann ein Abschirmungseffekt unter Umständen physikalisch nachgewiesen werden. Aber es gibt auch einige, bei denen jegliche wissenschaftliche Beweise fehlen und deren Wirksamkeit auch für Expertinnen und Experten nicht nachvollziehbar ist: zum Beispiel Schmuck-Anhänger, die Energiefelder harmonisieren, Armbänder, die Gehirnwellen „entstressen“ oder sogar Essenzen, die die vermeintlichen Auswirkungen von Strahlenbelastung mindern sollen. „Da kann man nur daran glauben, dass sie etwas leisten“, sagt Prof. Matthias Wuschek.

Information zur Strahlenreduzierung

Wer seine persönliche Gesamtexposition durch das Mobiltelefon oder Smartphone effektiv reduzieren möchte, kann sich auf der Website des Bundesamts für Strahlenschutz informieren.

Empfohlen wird unter anderem:

- ein Gerät mit einem niedrigen SAR-Wert zu nutzen,

- ein Headset oder eine Freisprechanlage zu verwenden, statt das Handy direkt ans Ohr zu halten,

- und möglichst bei gutem Empfang zu telefonieren.

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