Prof. Harald Lesch

„Wissenschaft irrt sich empor“

13.07.2021
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Harald Lesch ist einer der bekanntesten Erklärer von Wissenschaft im deutschen Fernsehen. Im Interview erläutert der Physik-Professor, wie Wissenschaft den Mobilfunk erforscht – und weshalb Forschung niemals ganz abgeschlossen ist.

Das Interview mit Harald Lesch ist ein Video. Wir dokumentieren dieses Gespräch unten auch in Textform – leicht gekürzt und im Sinne der Lesbarkeit angepasst.

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Harald Lesch ist einer der bekanntesten Erklärer von Wissenschaft im deutschen Fernsehen. Im Interview erläutert der Physik-Professor, wie Wissenschaft den Mobilfunk erforscht – und weshalb Forschung niemals ganz abgeschlossen ist.

Herr Professor Lesch, die Wissenschaft liefert so viele Studien zum Thema Mobilfunk. Warum kann die Wissenschaft nicht klipp und klar sagen: Diskussion beendet. Mobilfunk ist völlig ungefährlich?

Harald Lesch: Sie könnte es zwar sagen, es wird aber nichts nützen. In einer demokratisch verfassten Gesellschaft hat jeder das Recht nachzuhaken, nachzufragen. Wir leben in einem Bad von elektromagnetischer Strahlung, sonst würden wir uns gar nicht sehen. Die Sonne schickt uns elektromagnetische Strahlung. Und wir als Menschen erzeugen zusätzlich technisch elektromagnetische Strahlung, etwa für den Mobilfunk. Und dann geht es los: „Ja meine Güte, was macht dann diese Strahlung mit mir?“ Die Wissenschaft überprüft Hypothesen dazu durch Experimente. Dabei treten keinerlei Resultate auf, die eine Gefährdung für einzelne Personen oder überhaupt für biologische Organismen darstellen.

Und dennoch bleiben Sorgen.

Was mich immer wieder wundert: Wir leben schon die ganze Zeit in einer technisierten Welt, wo wir alle möglichen Technologien vor allem dann nutzen, wenn sie uns unmittelbar nützen. Da liegt jemand in der Praxis bei einem Augenarzt und lässt sich mit einem Laser behandeln – ultraintensive elektromagnetische Strahlung. Und der Mensch ist hinterher heilfroh, dass seine Linse operiert wurde. An einer anderen Stelle wird die gleiche Person sagen: „Also mit dem 5G … da habe ich echt Angst.“ Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten, worum es bei elektromagnetischer Strahlung geht. Das ist die Methode Sisyphos. Aber ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, diese Ängste und diese Unruhe zu beruhigen und zu dämpfen.

Viele Leute, die sich hier im Onlinedialog beteiligen, würden gerne eine Art Unbedenklichkeitsstempel für Technologie haben. Kann man das Nichtvorhandensein einer Gefahr beweisen?

Das kann man natürlich nicht. Der wissenschaftliche Ansatz wäre ja, soweit es nur irgendwie geht auszuschließen, dass da eine Gefahr ist. Aber es bleiben immer Unwägbarkeiten. Wir gehen jeden Morgen aus dem Haus, wir bewegen uns im Verkehr – es kann immer irgendetwas passieren. Dieses All-Inclusive-100-Prozent-Garantie dafür, dass nichts passiert, die gibt es natürlich nie. Wir müssen immer wieder darüber sprechen und fragen: ‚Leute, euer ganzes Leben ist umgeben von Technologien. Und jetzt soll Technik auf einmal ganz, ganz schlecht sein?‘

Wann reicht es denn der Wissenschaft, an welchem Punkt ist sie sich absolut sicher?

Wenn Wissenschaft richtig gut ist, reicht es ihr natürlich nie. Dann wird sie immer Zweifel behalten, um sich, wie es so schön heißt, empor zu irren – also immer weiter und weiter zu gehen, noch näher an die Wahrheit heran.

Aus der Naturbeschreibung können wir Technologie ableiten. Die Entdeckung und Nutzung elektromagnetischer Strahlung kommt aus der Naturbetrachtung heraus.

Prof. Dr. Harald Lesch

Erläutern Sie doch noch einmal: Wie funktioniert naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinn?

In den Naturwissenschaften ist die schärfste Klinge der Kritik das Experiment. Sie haben eine Hypothese und ich habe eine Hypothese. Beide Hypothesen müssen in den Naturwissenschaften an der Erfahrung scheitern können. Es muss ein Experiment, eine Beobachtung geben, die unsere beiden Vorhersagen überprüfen kann. Und dann stellen wir fest: Eine Vorhersage tritt nicht ein. Dann ist die Theorie tot. Das war's, ab auf den Friedhof der Theorien. Dann arbeiten wir mit der anderen Theorie weiter.

Wo beginnen dann die Missverständnisse?

Das experimentelle Schwert wird immer schärfer und schärfer. Und das ist ein bisschen für die Gesellschaft ein Problem. Man gewinnt den Eindruck, dass diese Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler ein ganz dogmatisches Weltbild haben, denn die reden ja alle vom selben. Ja, genau das ist nämlich das Ziel: Eine möglichst einfache und allgemeine, universell gültige Naturbeschreibung hinzukriegen. Und dann können wir Technologie daraus ableiten. Die Entdeckung und Nutzung elektromagnetischer Strahlung kommt aus der Naturbetrachtung heraus. Als Maxwell im 19. Jahrhundert die elektromagnetischen Strahlen aus seinen Gleichungen abgelesen hat, hat er nur gesagt: Ich weiß nicht genau, was es ist, aber man wird irgendwann mal sehr viel Geld damit verdienen.

Nun ist 5G noch neu. Hat man diese Technologie denn schon einem Experiment unterzogen?

Natürlich, man macht Experimente im Labor. Letztlich ist ja alles aufgesetzt auf der physikalischen Theorie der Quantenmechanik: Wie ist Materie aufgebaut und wie reagiert Materie mit elektromagnetischer Strahlung? Und dann kann man sich fragen: Was für Möglichkeiten haben wir, elektromagnetische Strahlung herzustellen? Früher gab es noch Röhren. Heute arbeiten wir digital. Wir können jetzt mit Gigahertz takten, also in sehr hohen Frequenzen. Dadurch haben wir ganz andere Möglichkeiten, Informationen zu verdichten und zu senden. Das stellt man zuerst im Labor und in Messstrecken fest. Und dann kann man die Tür immer weiter öffnen, aus dem Labor heraus, bis wir dann in der Wirklichkeit der alltäglichen Benutzung ankommen. So war es bis jetzt bei allen Technologien. Parallel schauen Institutionen auf die Sicherheit. So können wir immer einschätzen, wie die Wirkungen der Technologie sind.

Zur Person – Prof. Dr. Harald Lesch

Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zudem ist er Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Lesch ist seit den 1990er Jahren aus Wissenschaftssendungen im Fernsehen bekannt, etwa „Leschs Kosmos“ im ZDF. Neben seiner physikalischen Forschung veröffentlichte Lesch zahlreiche Bücher für ein breites Publikum.

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